Julia Zange – Die Anstalt der besseren Mädchen

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Wie zu lesen? Zitternd. Bebend. Aus den unterschiedlichsten Gründen.

Die erste Hälfte liest sich sehr flott. Habe lange kein so verrücktes Buch mehr gelesen, da wirkten sich schon die ersten Seiten sehr beflügelnd auf mein Lesetempo aus.

Loretta, von der aus einer teilweise verstörend intimen Innensicht erzählt wird, wirkt zu Beginn ein wenig verwirrt, in ihren kindlichen Phantasien gefangen und gnadenlos verträumt. Ihre verqueren Gedankengänge haben mich sofort für sie gewonnen und mich an meine eigenen erinnert.
Doch immer schneller wird klar, dass sie nicht nur tendenziell depressiv ist, sondern vielmehr allein nicht lebensfähig wäre. Kurz nachdem einem dies bewusst wird, wird Lo schwanger und behält das Kind obwohl ihr Freund und Arzt Malte sich schon um sie selbst nicht nur wie um eine Geliebte, sondern wie um seine Tochter kümmert, die sich ohne seine Hilfe vermutlich längst in stationärer Therapie befände.

Das Buch wird ab diesem Zeitpunkt immer surrealer und phantastischer. Der ohnehin stark poetische Stil nimmt überhand und bald fragt man sich, wieviel vom Erzählten Lores Phantasie entsprungen ist oder ob man als Leser längst in eine Hundertseitenmetapher verwoben wurde. Lo landet mit ihrem Baby in einer Art (erträumten?) Märchenanstalt für Mädchen die dem Leben nicht mehr stand halten können, aus der sie nicht mehr entfliehen zu können droht. Die jungen Frauen leben dort mit ihren Kindern in einer Art Hippiegemeinschaft für nackte Barbiepuppen als Herdentiere, springen über immergrüne Blumewiesen, vergnügen sich miteinander und mit safttriefenden Pfirsichen und alles böse scheint in dieser Traumwelt abwesend. Doch bald bröckelt die Fassade, alptraumartige Bilder häufen sich zwischen Quittenblüten und nackter Haut, wo sie ihre Wirkung umso heftiger entfalten können und man wünscht Lo nur noch eins: die Kraft zum Ausbruch zurück in die Normalität.

Großartiges Werk einer gerade erst 25jährigen Autorin und mehrfacher Gewinnerin des Prosanova-Wettbewerbs. Das Etwas ist beeindruckt von so viel poetischer Ausdruckskraft.

Erschreckend schön, erschreckend verantwortungslos und erschreckend spiegelnd.


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Ein Gedanke zu „Julia Zange – Die Anstalt der besseren Mädchen

  1. Sebastian sagt:

    und ich schlage mich hier mit Phulosophen rum, anstatt mal so etwas zu lesen….
    ich hoffe nur, daß meine Allgemeinbildung mir das irgenwann dankt.
    btw: Hört mal bei Alexander Tucker rein

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